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Geordneter Rückzug

nachdenkliches Portrait eines Mannes, blaue Augen

Ich bin kein Mensch mit dem man leicht Spaß haben kann. Es war ein jahrelanger Prozess. Erzwungene Produktivität frisst gleichgültige Unbeschwertheit. Ich habe permanent das Gefühl Zeit zu verlieren, die mir dabei fehlen wird etwas zu erreichen. Die Wahrheit ist, dass ich nie in meinem Leben so lange Phasen der Untätigkeit hatte wie jetzt. 

 

Wie jeder Mensch, versuche ich herauszufinden, wer ich bin; was ich möchte, was mich erfüllt. Schwierig dabei ist, zu unterscheiden, welche Bedürfnisse aus dem eigenen Innern wachsen und welche, durch äußere Einflüsse erst entstehen.

 

Ich fühle mich mittlerweile gelenkt durch konsumorientierte soziale Medien, die die Grenze zwischen Information und Werbung immer weiter verschwimmen lassen. Mag man es zu fotografieren und schaut Tutorials auf YouTube, ist man danach der festen Überzeugung man bräuchte besseres Equipment, mehr Skills und tausende Menschen, die interessiert was man selbst tut. Vergleicht man sich, wird man nie zufrieden sein können. Es wird immer, und genau vor der eigenen Nase, einen Besseren geben. 

Anstatt aber zu sagen, ich konzentriere mich auf das was ich erreichen möchte, was mich erfüllt; öffnet man wieder die Apps. Scrollt. Erneuert die Seite. Es könnte neue Inhalte geben, die man in Sekunden aufsaugt, um direkt wieder auf etwas Neues zu warten. 

Es gibt Tage an denen Stunden an Lehr-Material zu diversen Themen auf Youtube sehe. Ich komme von Fotografie, zur Videografie und weiter... und am Ende habe ich eine Menge an Information, die ich nicht in der Lage bin zu verarbeiten. Jeder ist besser, erfolgreicher und lebt, in den eigenen Augen, das perfekte Leben. Gleichzeitig werden diese Leute vor den Karren der Konzerne gespannt um uns ganz subtil zu suggerieren, dass wir genauso "gut" (ein, in diesem Fall durch technische Perfektion geprägt) sein könnten, hätten wir nur besseres Equipment. Es ist natürlich eine Lüge, aber sie ist nicht direkt als solche zu erkennen. 

 

Mein Umgang mit Social Media, überwiegend Instagram und YouTube, ist zerstörerisch und zieht mich immer weiter nach unten. Es gibt einen großen Nutzen dieser Plattformen, aber überwiegend findet ein missbräuchlich häufiger Umgang mit ihnen statt. Nicht in Maßen, sondern unkontrolliert. 

 

Ich versuche mich zu distanzieren. Mich selbst wieder zurück in das kreative Leben zu bringen. Mehr kreieren, weniger konsumieren. Kein "wenn ich das habe, beginne ich" oder "ich brauche mehr "folgende" Menschen, denen gefällt was ich tue". Menschen im direkten Umfeld mit den eigenen Fähigkeiten glücklich machen...Austausch, gegenseitige Unterstützung und Wertschätzung. Von Mensch zu Mensch. 

 

Ich war heute ehrlich zu mir und habe realisiert dass für mich die reinste und aufbauendste Form der Kreativität, das Schreiben ist. Es ist nichts notwendig außer einem Stift, einem Computer, einer Schreibmaschine, Kreide...und ganz wichtig ein Hirn, eine Persönlichkeit und Gefühle.

Hier kommt die Konsummaschine an ihre Grenze. Was könnte man mir verkaufen, der ich schreiben möchte? Einen neuen Computer? ...auf jedem Rechner läuft ein Textverarbeitungsprogramm. Papier? Kostet nichts... 

Jemand der mir sagt, wie ich schreiben lerne?

Zum Glück ist Schreiben individuell und lässt sich, wie Kunst, schwer technisch vergleichen. Also ist jeder in seiner Art zu schreiben frei. Der eigene Fluss. Der eigene Ausdruck. Ein schönes Gefühl. Einfach loslegen. Egal wo, egal wann.

 

Während die Anzahl junger Autoren kleiner wirkt als je zuvor und die Verkäufe im Buchhandel jedes Jahr weiter einbrechen, werden gute Geschichten immer nachgefragt werden. Vielleicht wird sich irgendwann niemand mehr auf mehr als 50 Seiten fokussieren können. Dann wird das Geschriebene eben nur noch in Filmen verwurstet, um sie dann apathisch auf dem Sofa zu konsumieren. Eine Dystopie, die hoffentlich nicht entreten wird.  

 

Vielleicht bekomme ich auf diese Art wieder Energie und die Liebe zu mir selbst zurück. Rückzug.

Zur Unterhaltung das Handy durch Bücher ersetzen. Ich habe noch nie in meinem Leben so wenig gelesen wie jetzt, obwohl ich Literatur viel zu verdanken habe. 

Mir fällt gerade eine Zeile aus einem "Wir sind Helden"- Song ein... "Guten Tag, Guten Tag ich will mein Leben zurück". 

 

Felix

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